Immer mehr Erwachsene erhalten die Diagnose ADHS. In Schleswig-Holstein zum Beispiel ist die Zahl der Verordnungen von ADHS-Medikamenten für Erwachsene zwischen 2017 und 2021 um rund 50 Prozent gestiegen (AOK NordWest, 2022). Als einen Grund nennt die Krankenkasse, dass Ärztinnen, Ärzte und Betroffene heute stärker für ADHS bei Erwachsenen sensibilisiert sind.

Schnell ist dann von einer „Modeerscheinung“ die Rede. Ich finde eine andere Frage wichtiger: Was bedeutet eine späte Diagnose für die Menschen, die sie bekommen?

Vorher: „Ich bin einfach so“

Viele Erwachsene haben jahrzehntelang versucht, mit Willenskraft auszugleichen, was ihnen schwerfällt. Sie haben Erklärungen für sich gefunden: faul, chaotisch, zu empfindlich, nicht belastbar genug. Diese Erklärungen sind oft hart – und sie führen selten zu Lösungen.

Nachher: „Ich brauche ein anderes System“

Eine Diagnose kann der Moment sein, in dem aus „Ich bin zu faul“ ein „Ich brauche ein anderes System“ wird. Wer versteht, wie das eigene Gehirn Reize verarbeitet und Handlungen plant, kann aufhören, gegen sich selbst zu kämpfen – und anfangen, mit sich zu arbeiten.

Für viele ist das eine große Entlastung. Für manche fühlt es sich aber auch wie ein Etikett an. Oder es kommen Trauer und Wut darüber, dass es so lange gedauert hat. Alles davon ist nachvollziehbar.

Und dann?

Eine Diagnose allein verändert den Alltag noch nicht. Sie ist ein Anfang. Hilfreich ist danach vor allem:

  • Verstehen: Was bedeutet ADHS konkret für mich – für Arbeit, Beziehungen, Alltag?
  • Neu einordnen: Welche alten Urteile über mich stimmen so nicht mehr?
  • Ausprobieren: Welche Strategien passen zu meinem Kopf?

Übrigens: Auch ohne Diagnose kann es hilfreich sein, sich mit der eigenen Art zu denken und zu arbeiten zu beschäftigen. Coaching ersetzt keine Diagnostik und keine Behandlung – aber es kann dabei helfen, im Alltag Wege zu finden, die passen.

Wie siehst du das: Ist eine Diagnose für dich eher Entlastung oder Etikett?